Vorlesen: eine neue, alte Kunst?

Vorlesen Ashraf Fayadh
Aus aktuellem gesellschaftlichem Anlass wurde ich eingeladen, öffentlich vorzulesen. In der gleichen Woche arbeite ich mit einem Klienten zufällig daran, wie er sein Manuskript lebendig vorlesen kann und mit einem weiteren Klienten, wie man Verträge „erlebnisreich“ vorliest. Da macht es doch Sinn, die Kunst des Vorlesens, in die ich mich dadurch erneut vertieft habe, mit Ihnen zu teilen.
Denn beim Vorlesen können Sie wunderbar Ihre Stimme trainieren und alles über die Macht der Pause erfahren. Außerdem stärkt das Vorlesen den gesellschaftlichen Zusammenhalt und prägt das soziale Empfinden und Verhalten von Kindern positiv  – so die Untersuchungsergebnisse einer Vorlesestudie 2015.

Vorlesen macht Kinder schlau – und glücklich

“[…] Kinder, denen regelmäßig vorgelesen wurde, werden häufiger als fröhlich und selbstbewusst beschrieben als Kinder, denen nur selten oder nie vorgelesen wurde […] Diese Kinder sind zupackend und aktiv. Sie haben die Chance, sich zu starken Persönlichkeiten zu entwickeln. Sie sind eher bereit, in ihrem späteren Berufsleben Verantwortung zu übernehmen und kreativ Dinge voranzubringen. Vorlesen stärkt aber nicht nur die Kinder selbst, sondern auch die sozialen Beziehungen, in denen sie leben. Kindern, denen regelmäßig vorgelesen wurde, sind häufiger darum bemüht, andere zu integrieren, als Kinder, denen nur selten oder nie vorgelesen wurde (40 vs. 17 Prozent). “Diese Kinder sind empathischer und handeln auch entsprechend. Dafür bekommen sie Anerkennung und Wertschätzung von anderen zurück. Solidarisches Handeln ist also keine Einbahnstraße, sondern für alle Seiten ein Gewinn”, so Dr. Esser in seiner Einordnung der Ergebnisse. 85 Prozent der Kinder, denen täglich vorgelesen wurde, besitzen nach Aussage ihrer Mütter einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, im Unterschied zu 40 Prozent der übrigen Kinder. Was das für die Gesellschaft insgesamt bedeutet, betonte abschließend Dr. Maas: „Ein Kind mit Gerechtigkeitssinn, das über sein direktes Umfeld hinaus Interesse und Solidarität zeigt, wird sich auch später engagieren – sei es im Ehrenamt oder als Entscheider in einer beruflichen Position.“  (Quelle: Stiftung Lesen)

Der aktuelle Anlass: eine weltweite Lesung

Am 14. Januar gab es eine weltweite Lesung von Gedichten und Texten als Unterstützung für Ashraf Fayadh. Ashraf Fayadh, ein 35-jähriger, in Saudi Arabien als palästinensischer Flüchtling geborener und lebender Dichter und Kurator, ist von einem saudischen Gericht im November 2015 für die “Straftat” des Abfalls vom Glauben – Fayadh ist Atheist – zum Tode verurteilt worden. Die Aktion der weltweiten Lesung ist ein Appell an die Regierungen Europas und Amerikas, sich für Ashraf Fayadh einzusetzen, dafür zu sorgen, dass Saudi-Arabien die Menschenrechtsstandards endlich anhebt, dass die Vereinten Nationen Saudi-Arabien vom UN-Menschenrechtsrat ausschließen, bis das Königreich seine entsetzliche Menschenrechtsbilanz verbessert hat und Freiheit und Bürgerrechte anerkennt. Die Lesung ist auch ein Appell an alle westlichen Regierungen zuzugeben, dass es Probleme gibt, wenn man freundschaftliche, unkritische und geschäftliche Beziehungen zu einem Land unterhält, dass systematisch Menschenrechtsverletzungen begeht.

Ich unterstützte diese Aktion mit einer öffentlichen Lesung einer der sehr berührendenen Texte von Fayadh in Berlin (Mehr dazu erfahren Sie >>hier). Laut, klar und deutlich auf die Barrikaden zu gehen, wann immer Menschenrechte und Rechtsgrundsätze, Freiheit und Demokratie missachtet werden, wird 2016 einen großen Raum bei mir einnehmen. Ich finde, das Weltgeschehen schreit danach! Was denken Sie darüber?

Eintauchen in die Kunst des Vorlesens

– 3 wertvolle Tipps –
Egal, ob Sie eine Rede halten, eine Präsentation vorbereiten oder aus einem Skript vorlesen wollen, ob Ihr Zuhörer ein Geschäftspartner oder Ihr Kind ist – der Funke muss überspringen, der Zuhörer möchte in Bann gezogen werden. Lernen Sie deshalb jetzt, wie Sie das geschriebene Wort umsetzen in einen fesselnde gesprochene Sprache und wie Ihre Worte Bilder zaubern können.
1. Sprechtechnische Vorübung
Sie sitzen aufrecht auf einem Stuhl, Beine im rechten Winkel aufgestellt, Füße klar mit dem Boden verankert. Ihre Hand ruht auf Ihrem Unterbauch (zwischen Bauchnabel und Schambein). Sie entspannen Ihren Unterbauch. Nun pfeifen Sie – egal, ob Sie es können oder nicht, Sie versuchen es – und beobachten die Reaktion Ihres Unterbauches: Er geht nach innen. In der Pause nach dem Pfeifen öffnen Sie Ihren Mund und den Bauchraum, der Einatem strömt von selbst und lautlos ein. Sie pfeifen wieder, öffnen danach für den Einatem, pfeifen wieder – ca.10x.
Jetzt ersetzen Sie das Pfeifen durch das laute Sprechen der Zahl “eins”, dann öffnen Sie Mund und Bauch für den lautlosen Einatem, Sie sagen laut “zwei”, danach wieder Mund und Bauch  öffnen, “drei” usw. bis “zehn”. Sie ersetzen jetzt die Zahl durch das wiederum mit lauter Stimme gesprochene Wörtchen “ichchch”, welches Sie lange und intensiv klingen lassen! Danach Mund und Bauch für den Einatem öffnen, dann “ich bin ich” laut sprechen, öffnen, “ich spreche einen Satz”, öffnen, “ich halte eine Rede”, öffnen, “Guten Tag, meine Damen und Herren”, öffnen usw.

Jetzt haben Sie die richtige Aktion Ihres Unterbauches trainiert – er geht nach innen beim Sprechen und für den Einatem in der Sprechpause entspannt er wieder. Sie öffnen stets nach dem letzten Wort Mund und Unterbauch für den lautlosen, reflektorischen Einatem.

Merke: Der Einatem beim Sprechen geht durch den Mund (sonst immer durch die Nase)!

2. Sie lesen laut
Nehmen Sie Ihren Text und legen Sie ihn am besten auf den Tisch vor sich. Sie sitzen aufrecht, eine Hand ruht auf Ihrem Unterbauch. Dieser ist entspannt. Sie schauen in Ihren Text und lesen still für sich so viele Worte, wie Sie sich ohne Mühe merken können. Jetzt schauen Sie auf, richten Ihren Blick konsequent nach draußen, auf die imaginären Zuhörer und sprechen mit lauter Stimme  – das ist wichtig – die vorher gelesenen Wörter. Ihr Bauch geht dabei nach innen. Sie behalten während der ganzen Zeit, in der Sie laut sprechen, den Blick nach draußen, vom Text weg gerichtet.
Nach dem letzten Wort, dem letzten Buchstaben, wandern die Augen wieder zum Text. Sie öffnen gleichzeitig den Mund, den Bauch, Ihr Atem strömt von selbst ein, während Sie die nächste sinnerfassende Texteinheit aufnehmen. Sie gehen mit dem Blick wieder weg vom Text, schauen zum imaginären Zuhörer und sprechen Ihre nächsten Worte wieder mit lauter Stimme. Sie bleiben mit dem Blick wiederum konsequent bis zum letzten Buchstaben draußen beim Publikum (ein Schauspieler bleibt sogar noch ein bisschen länger mit den Augen beim Gegenüber, um die Spannung zu erhöhen, um zu erfassen, ob der Zuhörer verstanden hat. Der Bayer denkt „Host mi?“, der Italiener „Capice?“).
Dann versenken Sie wieder die Augen in den Text, öffnen Mund und Bauch für den lautlosen Einatem. Sie nehmen den nächsten Textteil auf, den Sie dann auswendig – ohne auf den Text zu schauen – mit guter Unterbauchaktivität ins Publikum sprechen. In der Einatempause kehren Sie zurück zum Text und in die Weite Ihres körperlichen Raumes.
3. Kino im Kopf des Publikums
In der Pause, in dem Sie den Atem einströmen lassen und die nächste Texteinheit erfassen, kreieren Sie innerlich ein Bild zu dem, was Sie gesagt haben und geben dadurch dem Zuhörer die Chance, ein eigenes Bild im Kopf entstehen zu lassen.

Lassen Sie uns das gemeinsam mit einem Märchen üben. Sie erfassen stets eine Zeile, heben dann den Blick weg vom Text, sagen die Einheit laut und stellen sich innerlich vor, über was Sie da gerade reden. Aufgepasst, ausprobiert:

Wenn Sie möchten, dann probieren Sie diese Übung mit dem Gedicht von Ashraf Fayadh (Klicken Sie dafür >>hier), welches ich bei der Lesung vorgetragen habe. Ich habe den Text für die Lesung so vorbereitet , wie ich es Ihnen beschrieben habe, denn: Übung macht den Meister! Lassen Sie sich berühren von dem Text und schreiben Sie mir, wie es Ihnen dabei ergangen ist.

Auf diese Weise wird das Vorlesen zu einem Erlebnis, weil Sie im Zuhörer Bilder im Kopf erzeugen, weil Sie sich emotional mit den Worten verbinden. Schauen Sie während des Sprechens in die Gesichter Ihrer Zuhörer, in die Gesichter Ihrer Kinder und erleben Sie die Reaktion auf Ihre Worte. Je konsequenter Sie die Übung machen, desto erfolgreicher ist das Ergebnis. Und es spielt überhaupt keine Rolle, ob Sie sich viele Wörter oder nur wenige merken. Die Einatempause bleibt immer eine Wirkungs- und Spannungspause, denn das Wort vor der Pause erhält Gewicht.

Und denken Sie daran: Nur, wenn Sie konsequent arbeiten – und das heißt in diesem Fall: während des Sprechens nie in den Text schauen – kann Ihr Gehirn klare Software erstellen, die es dann in der Lifesituation reaktiviert. Probieren Sie es aus, erzählen Sie mir von Ihren Erfahrungen, stellen Sie mir Fragen, falls etwas unklar ist und teilen Sie Ihre Lieblingstexte. Ich freue mich darauf!

Eva Loschky

Foto: Eva Loschky mit Petra van Laak bei der weltweiten Lesung für Ashraf Fayadh
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